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Nelli und die Blaumeise

Nelli zerknüllte das Papier, auf dem sie gerade noch einige Gedanken niedergeschrieben hatte.
„Wozu mache ich das eigentlich und für wen?“, dachte sie und stand auf. Sie ging in die Küche, füllte den Wasserkocher mit frischem Leitungswasser, drückte auf den Knopf und wartete, bis ihr das Blubbern verkündete, dass es kochte. In ihrer Lieblingstasse hing schon der Teebeutel, den sie nun mit dem Wasser übergoss. Sofort breitete sich der Duft von Zimt und anderen Gewürzen in der Küche aus. Nelli legte ein paar Kekse auf einen Teller und trug Teetasse und Plätzchenteller ins Wohnzimmer. Sie setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und blickte aus dem Fenster in den herbstlichen Garten. Auf der Fensterbank saß eine winzige Blaumeise. Nelli hielt ganz still, um sie nicht zu verjagen.
„Na, kleines Vögelchen? Bist du auch einsam?“, fragte sie. Die Meise legte das Köpfchen zur Seite und betrachtete die Frau am Fenster. Ob sie hoffte, dass wieder ein paar Krümel für sie abfallen würden?
Nelli lächelte. ‚Ich habe einen Vogel‘, dachte sie. ‚Nun unterhalte ich mich schon mit Blaumeisen!‘
Das Vögelchen blieb sitzen, beinahe sah es so aus, als schaute es Nelli in die Augen und wartete darauf, dass sie weiter mit ihm sprach. Nelli nahm es als Aufforderung und begann zu erzählen:
„Weißt du, kleine Meise, mir geht es gerade nicht so gut. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche und könnte zufrieden sein, aber mir fehlen die Menschen. Als ich noch täglich in mein Büro ging, da hatte ich viele Menschen um mich herum, und auch wenn wir unsere Arbeit erledigen mussten, so hatten wir doch eine Menge Spaß dabei. Besonders die Pausen waren immer sehr schön, wenn wir alle gemeinsam in der Kantine saßen und uns ausgetauscht haben. Viele meiner Geschichten sind aus diesen Begegnungen gewachsen. Immer wieder war da ein Satz, ein Wort, eine Begebenheit, die in mir eine Geschichte wachsen ließen. Manchmal waren es nur kurze Episoden, aber auch meine lange Erzählung vom König, der heimkehrte, entstand auf diese Weise. Es ist beinahe so, wie wenn man in mir das Gedankenkarussell anwirft. Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Ist das nicht traurig?“
Die kleine Meise verharrte unbeirrt auf ihrem Platz auf der Fensterbank. Nelli hatte sich nun warm geredet und sprach weiter:
„Weißt du, ich war immer angepasst, fast schüchtern. Ich habe nur selten gestritten, weil ich mich immer zurückgezogen habe, wenn es Ungereimtheiten gab. Wenn irgendwer versuchte, das Klima zu vergiften, dann habe ich versucht, wieder Harmonie herbeizuführen, was mir oft gelungen ist. Wenn man mich persönlich angegriffen hat, dann habe ich geschwiegen und bin in mein Schneckenhaus gekrochen. Ich fühlte mich ungerecht von Gott und der Welt behandelt. Dabei wäre ich gern einmal aus der Haut gefahren und hätte, wie ein Zitteraal, elektrische Stöße ausgesendet, um mich zu wehren und zu schützen.“
Nelli schob sich einen Keks in den Mund und genoss die leicht nussige Süße. Als sie das Fenster öffnete, um der kleinen Meise ein paar Krümel abzugeben, flog diese aufgeregt davon. Doch es dauerte gar nicht lange, da ließ sie sich erneut auf der Fensterbank nieder und pickte ein Krümelchen nach dem anderen auf.
„Du hast es gut, Kleine!“, sagte Nelli und seufzte. „Ich singe dir hier Nellis Klagelied und wenn ich es mir recht überlege, bin ich undankbar. Anderen geht es schlechter als mir, ganz sicher. Du machst dir über dein Leben keine Gedanken, oder doch?“, fragte sie und sah den Vogel aufmerksam an. Konnten Vögel denken, sich Sorgen machen? Wohl nicht!
„Weißt du was? Ich fahre jetzt ins Gartencenter und kaufe ein Vogelhaus für euch. Der Winter steht vor der Tür und bevor ich hier weiter herumjammere, sorge ich nun für euch. Wie findest du das?“
Es sah fast so aus, als nicke die kleine Blaumeise, aber das konnte Nelli sich auch eingebildet haben. Auf jeden Fall hielt sie ihr Versprechen. Sie trank ihren Tee aus und machte sich dann auf den Weg zum Gartenmarkt.
Die kühle Herbstluft tat ihr gut. Nun gut gelaunt marschierte sie im flotten Tempo durch den Park, erfreute sich an den bunten Bäumen und sog gierig die Herbstdüfte ein. Herrlich!
Auf einer Bank am kleinen See saß eine Frau, die ein aufgeschlagenes Buch in den Händen hatte. Sie las aber nicht, sondern schaute in die Weite. Nelli grüßte und fragte, ob sie sich einen Moment zu ihr setzen dürfte. Die Frau freute sich offensichtlich, denn sofort schlug sie das Buch zu, steckte es in ihre Handtasche und wandte sich Nelli zu.
„Nur zu!“, sagte sie und deutete auf den Platz neben sich. „Ich freue mich immer über ein kleines Gespräch, wissen Sie!“
„Danke schön!“, sagte Nelli und erzählte von ihrem Vorhaben, ein Vogelhaus zu kaufen. Und sie erzählte auch, wie sie auf die Idee gekommen war. „Ich bin zu oft allein!“, schloss sie ihren Redefluss und die Frau nickte wissend.
„Ich weiß, wovon Sie reden, mir geht es ja nicht anders!“, sagte sie. „Wenn ich darf, begleite ich sie ins Gartencenter und dann trinken wir dort gemeinsam eine Tasse Kaffee. Was halten Sie davon?“
„Viel!“ Nelli lachte. „Davon halte ich viel! Gibt es dort auch Kuchen?“ Sie lachte wieder, fröhlich und unbeschwert und die Frau reichte ihr die Hand und stimmte in das Lachen ein. „Ich heiße Erika!“, sagte sie und dann marschierten die beiden Frauen Richtung Gartencenter.
Von da an trafen sie sich regelmäßig einmal in der Woche auf einen kleinen Plausch. Erika besuchte Nelli, um das Vogelhaus zu bewundern und die kleine Blaumeise freute sich, dass Nelli nun nicht mehr so traurig dreinblickte. Es kann so einfach sein …

© Regina Meier zu Verl