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Elsa, Fritz und der geheime Ort

Zwei Elstern sitzen im Mirabellenbaum und naschen von den Früchten. Ganz oben in der Krone finden sich immer noch ein paar goldgelbe Leckerchen.
„Gut, dass die Menschen nicht fliegen können! Sicher hätten sie uns alles weggepflückt.“, sagt die größere der beiden und dabei schmatzt sie laut. Ich nenne sie Elsa, denn ich gebe allen und jedem gern einen Namen. Da bei Elstern die Weibchen etwas größer sind als ihre Männchen, habe ich sie also Elsa getauft.
„Fliegen können sie nicht, aber sie haben Leitern, das ist schlimm genug!“, meint die andere. „Fast bis in die Spitze sind sie geklettert, unglaublich!“ Da spricht der Ehemann, nennen wir ihn doch Fritz. Elstern sind übrigens treu und bleiben ein Leben lang zusammen. Bis zu sechszehn Jahre können sie alt werden.
„Da hast du recht. Aber wir haben Glück, dass trotzdem noch etwas für uns übriggeblieben ist!“ Mit ihrem spitzen Schnabel pickt Elsa erneut eine Mirabelle auf und knabbert sie sauber ab bis zum Kern.
„Diese blöden Steine da drin“, schimpft sie, nachdem sie den Kern auf den Boden plumpsen lassen hat. „Die sind doch absolut nutzlos, oder nicht?“
„Keineswegs, meine Liebe. Das sind Samen. Wenn man sie in die Erde steckt, dann bildet sich ein neuer Baum daraus!“, erklärt Fritz, der das mal irgendwo aufgeschnappt hat.
Elsa überlegt. Sie legt das Köpfchen schief, vergisst die Mirabellen für den Moment und denkt nach. Zuerst leise, dann laut. „Wir könnten, wenn es so ist, wie du sagst, einen eigenen Mirabellenbaum pflanzen, an einem geheimen Ort, wo die Menschen nicht hinkommen mit ihren Pflückeimern und Leitern!“
„Schäck, Schäck, Schäck!“, lacht Fritz. Das klingt tatsächlich so bei den Elstern, man nennt es schäckern.
„Das ist aber ein wenig einfältig, liebe Elsa. So ein Baum braucht Jahre, bis er Früchte trägt, das werden wir beide wohl nicht erleben!“
„Wieso, wir sind doch noch jung, mein Lieber und wenn wir es nicht erleben, dann eben unsere Nachkommen. Ich finde, es wäre einen Versuch wert. Was meinst du?“ Liebevoll sieht Elsa ihren Fritz an. Zwar sind die Kinder längst aus dem Haus, aber im nächsten Jahr würde es wieder Nachwuchs geben. Das wünscht sich Elsa jedenfalls und bisher hat sie ihren Mann noch immer überzeugen können, wenn sie sich etwas wünscht.
„Eigentlich hast du recht. Aber ich sehe da eine Schwierigkeit: wenn wir einen Mirabellenstein in die Erde stecken, dann dauert es, bis er austreibt. Wir sollen wir ihn jemals wiederfinde, dazu noch an einem geheimen Ort?“
Elsa legt wieder ihr Köpfchen schief und denkt, zuerst leise, dann … na ihr wisst schon!
„Wir machen ein Zeichen an die Stelle, wo er in der Erde steckt!“, ruft sie aufgeregt.
„Was für ein Zeichen?“
„Pass du auf den Stein auf, ich lasse mir etwas einfallen!“, pfeift Elsa und fliegt davon. Fritz labt sich derweil an weiteren Mirabellen und bedauert, dass er keinen Wintervorrat damit anlegen kann, sie sind doch megalecker.
Nach ein paar Minuten kommt Elsa zurück. In ihrem Schnabel trägt sie einen goldenen Ring. Geschickt hängt sie ihn an einem dünnen Ast zwischen sich auf. Das muss sie ja, sonst kann sie nicht reden.
„Guck!“, sagt sie stolz.
„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, schimpft Fritz. „Wir haben sowieso einen schlechten Ruf und den musst du nun auch noch nähren. Also bitte, Elsa, das gehört sich nicht! Sein Besitzer wird sehr traurig sein, wenn er bemerkt, dass sein Ring weg ist.“
„Ja aber, der glänzt so schön und wenn wir ihn an der Stelle anbringen, wo unser Baum gepflanzt werden soll, dann finden wir ihn immer wieder. Schau nur, wie schön er in der Sonne blinkt!“ Verliebt schaut Elsa den goldenen Ring an, sie denkt gar nicht daran, dass jemand traurig über den Verlust sein könnte. Er lag doch da auf der Fensterbank am Badezimmerfenster. Seit Tagen schon, Elsa hat das genau gesehen und sie hat ihn nur nicht genommen, weil sie ihn nicht brauchte. Aber jetzt braucht sie ihn, sie muss die Stelle markieren, an der ihr Baum gepflanzt werden soll. Genau!
„Bring ihn sofort zurück, oder …“
„Oder was?“, kreischt Elsa böse.
„Oder, oder – ich mach’s!“ Fritz ist nicht dafür gemacht, Drohungen auszusprechen, außerdem liebt er ja seine Elsa, womit sollte er drohen?
Elsa lacht, so laut, wie eine Elster eben lachen kann. Dann nimmt sie den Ring und trägt ihn zurück dorthin, von wo sie ihn genommen hat. Schade eigentlich, aber was sein muss, muss sein. Krach mit dem Liebsten ist das Schlimmste, was Elsa sich vorstellen kann.
Als sie zurückkommt, genießen sie noch jeder eine Mirabelle und dann tragen sie zwei Kerne an einen geheimen Ort.
Nun bin ich gespannt, wie sie den dann später wiederfinden wollen, aber das ist ja nicht mein Problem, oder?

© Regina Meier zu Verl

2019-08-02 21.26.34