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Ein Hund namens November

Ein komischer Name für einen Hund, denkst du? Dann will ich dir erklären, wie er zu seinem Namen gekommen ist.
Es war Herbst, der milde Oktober war längst vorbei und abends wurde es deutlich kälter und ungemütlich draußen. Meine Eltern und ich mochten aber diese Zeit, denn nichts war gemütlicher, als am Abend mit einem leckeren Tee und bei flackerndem Kaminfeuer im Wohnzimmer zu sitzen und zu lesen. Wir, alle drei, waren und sind nämlich Leseratten. Mama liest Krimis. Wenn es besonders spannend ist, dann hört und sieht sie nichts um sich herum. Papa liest Sachbücher, am liebsten über seine geliebten Pferde, das kann ich noch verstehen, oder über Politik – das finde ich eher ätzend. Papa liebt aber auch Gedichte und, wie er sagt „schöngeistige“ Literatur.
Ich, Paul, bin zwölf Jahre alt und lese mit Begeisterung Abenteuer- und Fantasiebücher. An diesem Abend hatten wir drei wieder unsere Lieblingsplätze im Wohnzimmer bezogen. Jeder hatte sich in eine Decke gekuschelt. Ich las im Buch „Robinson Crusoe“ und es war gerade unheimlich spannend, als wir plötzlich ein seltsames Geräusch hörten.
Es klang wie ein Weinen oder Winseln, ganz leise, aber doch durchdringend.
„Pst!“, sagte Papa und horchte auf. „Was war das?“
Mama und ich hatten es auch gehört. Unheimlich klang es. Wir lauschten.
Eine Weile blieb es still. In meinem Buch ging es dafür richtig zur Sache. Robinson, der auf einer einsamen Insel gelebt hatte, nachdem sein Schiff untergegangen war, hatte einen Fußabdruck entdeckt, der größer als sein eigener gewesen war. Wähnte er sich doch allein auf der Insel, musste er jetzt entdecken, dass Kannibalen auf „seiner“ Insel gehaust hatten. Natürlich machte ihm diese Entdeckung mächtig Angst, ist ja klar. Hättet ihr nicht auch Angst vor Kannibalen? Ich schon!
Aber weiter: in der Nacht träumte Robinson, dass die Kannibalen zurückkämen und ein Menschenopfer mitbrächten, das ihnen aber entkommen würde. Und, was soll ich sagen, zwei Jahre später war es soweit. Kannibalen kamen auf die Insel, das Opfer, ein Dunkelhäutiger, lief auf Robinsons Lager zu und gemeinsam konnten sie die Männer überwältigen. Da das an einem Freitag passierte, nannte Robinson seinen neuen Gefährten Freitag.
Na, ahnt ihr schon, worauf ich hinauswill?
Genau, das Winseln wurde lauter und irgendwann sahen wir drei im Garten nach, was da los war. Hätte ja sein können, dass jemand ein Baby ausgesetzt hatte. Glücklicherweise war es das aber nicht, denn als Papa im Garten umherleuchtete mit seiner Taschenlampe, das sahen wir im Gebüsch zwei funkelnde Augen und das konnten nur die von einem Tier sein. Oder funkeln Babyaugen auch im Dunklen? Weiß ich nicht, ihr?
Ein zotteliger kleiner Hund hatte sich im Gebüsch verfangen. Er hatte ein Halsband, an das ein Strick befestigt war und dieser Strick hing nun fest. Da half kein Zerren und Ziehen. Papa befreite den Kleinen, der dankbar an ihm hochsprang und ihm die Hände leckte, als er frei war.
Der Hund machte keine Anstalten wegzulaufen, obwohl mein Papa es ihm ausdrücklich befahl.
„Geh nach Hause Kleiner, sicher wirst du vermisst!“, sagte er.
„Ach was, der wurde sicher ausgesetzt und kann nicht mehr nach Hause. In meinem Krimi wurde auch gerade ein Hund ausgesetzt, weil er seinen Herrn verraten hatte, der in eine Villa einbrechen wollte. Der erhoffte sich reiche Beute, aber sein Hund hatte sich im Auto versteckt und da die Tür nicht richtig verschlossen war, hüpfte er hinaus, seinem Herrn hinterher. Als dieser eine Scheibe einschlug bellte der Hund laut und …“ Papa unterbrach meine Mutter. „Du immer mit deinen Krimis! Hier gibt es keine Einbrecher!“, sagte er.
„Vielleicht aber Kannibalen!“ Ich wollte auch ein wenig zur Geschichte beisteuern, wobei ich nicht an Kannibalen in unserer Stadt glaubte.
„Quatsch, wir müssen die Polizei anrufen.“, meinte Papa.
„Und, was sollen die machen? Die müssen sich um wichtigere Dinge kümmern, in meinem Buch …“, sagte Mama aufgeregt, doch Papa ließ sie nicht ausreden.
„Dann sollten wir das Tierheim anrufen“, Papa hob den Kleinen entschlossen auf seine Arme und trug ihn ins Haus. Das gefiel mir! Mein Papa ist ein Mann, der redet nicht lang drumherum, der handelt, und dafür liebe ich ihn. Meist jedenfalls.
Der kleine Hund sah, im Licht betrachtet, ziemlich verwahrlost aus. Sein Fell war verfilzt und wenn man ihn streichelte, konnte man seine Rippen fühlen.
„Wir sollten ihm was zu trinken geben!“, schlug Mama vor. Sie füllte einen Suppenteller mit Wasser und gleich schlabberte der Kleine gierig das Wasser bis auf den letzten Tropfen. Dann setzte er sich artig vor den Teller, legte seinen Kopf zur Seite und sah uns an, als wollte er sagen: „Hunger habe ich auch noch!“
„Er hat Hunger! Mama, gib ihm was!“, rief ich. Der Hund tat mir so leid.
Er verputzte dann die Reste von unserem Abendbrot, Frikadelle mit Kartoffelbrei und sogar die Erbsen, igitt, ich mag die nicht, fraß er auf. Dann leckte er sich zufrieden ums Maul.
„Und jetzt?“, fragte Mama.
„Jetzt gebe ich ihm erstmal einen Namen, wir können ihn ja nicht mit Hund ansprechen!“, schlug ich vor. Doch Mama schüttelte heftig den Kopf.
„Nein, um Himmels Willen. Ich habe mal gelesen, dass, wenn man jemandem einen Namen gibt, man für ihn ein Leben lang verantwortlich ist. Das hat doch dieser … wie heißt der nochmal, Albert, du weißt das doch!“ Mama war ganz aufgeregt, weil ihr der Name nicht einfiel. Das passiert oft bei ihr.
„Du meinst St. Exupéry!“, sagte Papa grinsend. „Und da geht es nicht um den Namen, sondern darum, dass, wenn man jemanden zähmt, man lebenslang für ihn verantwortlich ist. Das sagte übrigens der Fuchs zu dem kleinen Prinzen!“
„Dann kann ich ihm einen Namen geben, oder?“, wollte ich wissen und da meine Eltern nickten, sagte ich feierlich: „Willkommen in der Familie, November!“
„November? Was ist das denn für ein Name?“ Mama war entsetzt.
„In meinem Buch nennt Robinson seinen Gefährten Freitag, weil er an einem Freitag zu ihm kam und da heute Freitag ist und der Name schon vergeben ist, nenne ich ihn November, weil er im November zu uns kam!“, erklärte ich meinen Eltern und insgeheim nahm ich mir vor, November zu zähmen, ihr wisst schon warum!

Das alles ist nun schon ein Jahr her. November durfte bei uns bleiben, nachdem wir versucht hatten, seinen Besitzer zu finden, erfolglos, denn gechipt war er nicht und es vermisste ihn auch niemand. Ich schwöre, wir haben uns viel Mühe gegeben, den Besitzer zu finden, aber insgeheim habe ich jeden Abend gebetet, dass wir November nicht wieder hergeben müssen.
Manchmal werden Gebete erhört – man muss nur fest genug daran glauben!

© Regina Meier zu Verl