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Die Herbstwelt der Tannen

Die Nächte wurden länger und der Wind wehte rauer oben am Waldhang weit hinten in den stillen Bergen. Überall tanzten die bunten Blätter des Herbstes in der Luft. Sie drehten sich im Kreis, um dann sanft zu Boden zu fallen. Gar nicht mehr aufhören konnten sie damit. Es schien, als spielten sie mit dem Wind und hätten Spaß dabei.
„Wie fröhlich sie sind!“, sagte die große Tanne, die am Rande des steilen Hanges ihren Platz hatte und den Blättern hinterher blickte.
„Und sie sind so wundervoll bunt“, ergänzte ihre Nachbarin. „Wie ist es doch schade, dass wir Tannen unser Dasein immer im gleichen Grün fristen müssen. Unsere Nadeln dürfen nicht am Ende des Herbstes auf Reisen gehen. Nichts ändert sich bei uns. Gar nichts erleben wir. Sag, ist das nicht langweilig?“
„Sie sehen mehr in ihrem Leben als wir“, ergänzte eine dritte Tanne. „Ich möchte auch das Leben und die Welt kennen lernen.“
Die anderen Tannen nickten. Es schien, als riefen sie einander ein leises „Die Welt soll sehr schön sein. Wir möchten sie kennen lernen“ zu.
„Und aufregend bunt ist es dort draußen. Viel bunter als meine Blätter, die mich in den letzten Tagen verlassen haben“, sagte die Weißbuche, deren Zweige fast kahl in den Himmel ragten.
„Stimmt“, bestätigte die alte Eiche. „Viel von der Welt haben mir Vögel, die mich in den Jahren meiner Zeit besucht haben, erzählt. Verlockend ist die Welt. Und aufregend.“
„Und laut“, murmelte der Rabe, der gerade auf der Spitze der großen Tanne Rast machte. „Die Welt dort draußen ist laut.“
„Stimmt!“, sagte die Wolke über ihnen. „Ich komme immer wieder gerne hierher und genieße eure Tannenwelt. Ich liebe sie. Es tut gut, im Leben seinen Platz zu haben. Freut euch daran!“
Die Tannen schwiegen. Ob sie recht hatte, die Wolke dort oben? Sie war schon lange auf Reisen und musste wissen, wovon sie sprach.
„Du kennst die Welt?“, fragte die große Tanne.
„Wer, wenn nicht sie und ihre Gefährtinnen?“, rief der Rabe. „Sie sind immer und überall dort oben unterwegs.“
„Es stimmt. Ein kleiner, ein sehr kleiner Weltenteil ist mir bekannt“, murmelte die Wolke, und man hörte ihr an, dass sie es nun eilig hatte und nichts mehr dazu sagen wollte. Dann aber fuhr sie doch fort:
„Jeder kleine Teil unserer Welt ist für sich betrachtet ein großer. Selbst euer kleiner Weltenteil hier im Wald ist es. Und nun muss ich weiter ziehen. Genießt die Stille hier! Und denkt daran: An vielen Tagen im Jahr kommen Gäste aus anderen großen und kleinen Welten zu euch zu Besuch. So wie ich euch heute besucht habe. Ihr geht ihnen gut bei euch, so wie ihr mir gut getan habt.“
„Und mir!“, rief der Rabe schnell.
„Richtig“, sagte die Wolke. „Wie dir und anderen Gästen auch. Achtet darauf. Lauscht! Seht! Riecht! Schmeckt! Genießt! Freut euch an eurer Welt, dem Leben und Glück. Nun aber muss ich weiter, liebe Freunde! Adieu!“
Und während die Wolke langsam weiter über den herbstlichen Himmel zog, dachte sie an die vielen Tannen, Fichten und Kiefern, die die Menschen bald wieder aus den Wäldern in ihre Menschenwelt holen und mit Lichtern geschmückt auf ihre lauten, bunten Plätze oder, noch schlimmer, in enge Häuser, Höfe und Zimmer stellen würden. Aber dies würde sie den Tannen nicht erzählen. Jene andere, fremde Welt würden die Bewohner dieses versteckt liegenden Waldes hinter den stillen Bergen nicht verstehen. Das war gut so. Sie mussten nicht alles wissen. Die Wolke hoffte, dass sich dies auch noch lange nicht ändern würde.

© Elke Bräunling

Herbstwald im frühen November

Aus dem Buch:


Taschenbuch:Omas Herbstgeschichten: Geschichten und Märchen zum Herbst für Kinder
Ebook mobi:Omas Herbstgeschichten: Geschichten und Märchen zum Herbst
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