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Mit dem Efeumädchen Lulu stellen wir euch heute einen Gastbeitrag von Carmen Purr vor. Ich hoffe, dieses Herbstmärchen verzaubert euch genau so wie uns


 

Lulu, das Efeumädchen, und die Herbstmaler

Lulu, das Efeumädchen, wohnte im immergrünen Efeuwald. Viele Tiere besuchten sie und als der Herbst kam, erzählten sie ihr, dass nun Büsche und Bäume ihre Blätter bunt färbten und ein großes Fest feierten. Ob Lulu krank sei, fragten sie, weil die Blätter ihrer Behausung nicht auch von bunten Farben geschmückt waren.
Das machte Lulu traurig. Sie wollte auch dieses Bunt haben. Aber nur der rote Ahorn, an dem die Efeuranken, die ihr Heim umgaben, Halt fanden, ließ ein paar seiner leuchtend roten Blätter zu ihr herabfallen. Aber das tröstete Lulu nur wenig.
So begann der Herbst. Eines Morgens besuchten viele kleine Meisen Lulu. Sie pickten mit ihren Schnäbeln auf der Suche nach Käfern eifrig zwischen den grünen Efeublättern herum. Manche hüpften vorwitzig auf Lulus Kopf.
Lulu freute sich. Die Meisen waren ihr die liebsten Gäste. Sie waren so unbeschwert und fröhlich und lockten ihr sogar manchmal ein Lächeln hervor.
„Sagt, liebe Meislein, stimmt es, dass überall die Büsche und Bäume nun bunt sind?“, fragte sie.
„Ja, ja, ja,“, zwitscherten die kleinen Blaumeisen im Chor. „Man feiert ein großes Fest. Die Menschen nennen es Herbst.“
Die Meisen erzählten von ihrem Ausflug zur Wildhecke, die die Menschen im nahen Feld angelegt hatten. Dort hatten sie ein feines Vogelparadies vorgefunden, denn die Büsche – der Weißdorn, der Holunder und die Kornelkirsche – trugen viele saftige Früchte. Auf ihrem Weg dorthin begegneten sie kräftigen jungen Burschen. Jeder hatte einen Eimer mit Farbe in der Hand und alle waren quietschvergnügt, neckten einander und hatten es recht lustig. Sie spielten Verstecken in den Büschen und Bäumen und waren meist so übermütig, dass Farbe aus den Eimerchen auf die Blätter spritzte.
„Hey, was macht ihr denn da?“, riefen die Meisen den Jungs zu.
„Wir sind die Herbstmaler!“, lachten sie.
„Euer Bunt sieht richtig schön aus“, riefen die Meisen. „Könnt ihr nicht noch mehr davon machen?“
„Ja, gerne, dann müssen wir uns aber größere Farbtöpfe besorgen“, sagte der Größte von ihnen.
„Das machen wir! Jaja!“, stimmten die anderen zu.
Schnell riefen sie die Vögel des Waldes herbei und baten sie, bunte Beeren zu sammeln, damit sie daraus neue Farbe herstellen konnten. Als sie genügend Farbeimer mit kräftigen Rot und Gelbtönen beisammen hatten, fingen sie mit ihrer Arbeit an. Sie kletterten auf Bäume und Büsche und verteilten überall ihre Farben. Manche Blätter färbten sie gelb, andere orangefarben und rot in allen Schattierungen. Wenn es die Herbstmaler gar zu arg trieben, trugen manche Blätter gleich alle Farben auf einmal. Wunderbare Muster entstanden so.
Diese Geschichte über die Blättermaler hatte das Efeumädchen Lulu traurig gemacht. Bekümmert saß es in seiner dunkelgrünen Blätterhöhle und nachts träumte es immer wieder von einem rot- und gelborangefarbenen Blätterdach. Wenn es am Morgen erwachte, blickte es enttäuscht in die Efeublätter, die ihr immer noch tiefgrün entgegen funkelten. Wieder also hatten die Herbstmaler ihr Heim nicht besucht! Immer trauriger und trauriger wurde das kleine Efeumädchen. So traurig, dass die Meisen sich dies nicht mehr mit ansehen konnten. Ein trauriges Efeumädchen durfte es nicht geben. Fröhlich sollten alle sein! Fröhlich und bunt wie der Herbst es war. Und so fassten die Meisen einen Entschluss:
Als sie am nächsten Tag den Herbstmalern begegneten, erzählten sie ihnen von der traurigen Lulu:
„Könnt ihr da nicht ein bisschen helfen?“, baten sie die fröhlichen Malerburschen. „Vielleicht könnt ihr einen Teil der Efeublätter bunt bemalen?“
„Versuchen wir es!“, erwiderten die Maler, „aber wir haben noch nie bunte Efeublätter gesehen.“
Dann folgten sie den Meisen in den Efeuwald zu Lulus Ahornbaum. Vorsichtig klopften die Meisen an den Stamm und zwitscherten zum Gruß ihre Meisenliedchen.
Es dauerte eine Weile, bis das Efeumädchen mit müdem Blick hinter seinem Blättervorhang hervorlugte.
„Wir haben gehört, dass du dir bunte Blätter wünschst und wollen helfen“, sagte einer der Herbstmaler. „Wir könnten mit unseren Farben versuchen, dein Blätterheim zu bemalen.“
“Geht das denn?“ Lulu glaubte nicht so recht daran, dass dies funktionieren würde. „Ihr könnt es probieren“, wisperte sie mit zaghaftem Stimmchen.
Und so taten die Herbstmaler es dann auch. Einen ganzen Tag lang malten und pinselten und strichen sie ihre bunten Herbstfarben auf Lulus Efeublätter, aber sie hatten kein Glück. An den glatten Blättern des Efeus blieb die Farbe nicht haften.
Dicke Tränen tropften da aus Lulus traurigen Augen.
„Seht ihr! Ich habe immer Pech!“ Das Efeumädchen weinte und weinte und verkroch sich immer weiter hinter den grünen Efeublättern. „Ich mag dieses gemeine Bunt nicht mehr sehen“, rief sie. „Geht weg! Bitte geht!“
Da wussten sich die Meisen und auch die Maler keinen Rat mehr. Mit hängenden Köpfen zogen sie sich zurück. Das traurige Efeumädchen aber konnten sie nicht so bald vergessen und das machte auch sie traurig. Alle im Wald waren nun traurig.
“So geht das nicht weiter!“, sagte der Herbst eines Tages und er rief seine Wind- und Sturmbrüder herbei. Die brausten wild über das Land und pusteten die bunten Blätter von Büschen und Bäumen, wirbelten sie hoch in die Luft, wehten sie durcheinander, bis sie eines nach dem anderen auf den Waldboden trudelten und verwelkten. Und da lagen sie nun und sie waren nicht mehr grün und nicht mehr bunt. Regen kam und es wurde kalt. Jetzt fielen auch die letzten Blätter von den Bäumen. Braun und unansehnlich waren sie geworden. Ihre bunte Farbenpracht war bald vergessen.
Nur Lulu, das Efeumädchen, dachte noch immer an das schöne Herbstbunt. Ihr Blätternest verließ sie nie, doch sie hatte oft Besuch von Käfern und Insekten des Waldes. Die suchten Schutz vor Regen und Kälte und verkrochen sich unter den Blättern des Efeus, die den Regen abhielten.
Lulu wunderte sich über die vielen Gäste und ein bisschen neugierig war sie auch geworden. Und eines Tages wagte sie es dann doch, wieder einmal aus ihrem Blätternest zu blicken. Vorsichtig lugte sie nach draußen und erschrak. Was war das? Alle Laubbäume waren ja nun auf einmal ganz kahl! Gespensterarmen gleich ragten ihre Äste in den trüben Himmel. Nichts mehr war übrig geblieben von ihrer bunten Pracht. Nass und faul lagen ihre Blätter am Boden.
Wie leid taten ihr die Blätter da!
„Die Armen!“, murmelte Lulu. „Was habe ich doch für ein Glück, dass ich noch all die sattgrünen Blätter des Efeus habe, die mich vor Kälte und Regen schützen. Wie gut es mir in meinem Blätterheim doch geht!“
Jetzt war sie dankbar, dass ihre Blätter zwar nicht bunt, aber immergrün – und immer da – waren.

© Carmen Purr


Inspiriert zu diesem zauberhaften Märchen hat Carmen das Foto von © Steffi Renn in einem Tweet bei Twitter
Danke, Steffi, das du uns die Veröffentlichung hier genehmigt hast. Wir freuen uns :-)