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Der Septembernebel und die Sonne
Eine Altweibersommergeschichte

„Bunt. Bunt. Bunt. Überall sehe ich nur bunt. Das Land strahlt warm und heiter, die Menschen feiern die Zeit des Septembers, als sei es Sommer. Sie freuen sich an dem Bunt ebenso wie die Tiere, die Pflanzen und meine Kollegen, die Wettergeister. Nur nach mir fragt keiner.“
Der kleine Nebel fühlte sich gekränkt. Dabei gehörte er doch ebenso zum Herbst wie die bunten Farben. War er es nicht, der das Land zudeckte am Abend, um dann am Morgen die Welt in ein geheimnisvolles Licht zu tauchen und die Herbstwelt schöner zu machen?
„Sie mögen mich nicht leiden“, klagte er. „Keiner mag mich leiden.“
Der kleine Septembernebel überlegte, ob er schmollen sollte, aber irgendwie hatte er dazu keine Lust. Fröhlich sein wollte er. Und zufrieden.
„Uns mag auch keiner leiden“, sagte da die dicke Spinne im Spinnennetz.
„Warum das?“, wunderte sich der kleine Nebel. „Ihr seid doch die größten Künstlerinnen unter der Sonne. Das soll euch doch erstmal einer nachmachen!“
„Das sagst du. Kaum einer sonst beachtet uns.“ Die Spinne seufzte. „Unsere Kunst ist in den Augen der Menschen nicht eines Blickes wert.“
Der kleine Nebel war ratlos. „Da weiß ich auch nicht, was wir für euch Herbstspinnen tun könnten, außer …“ Er überlegte eine Weile, dann lächelte er.
„Frau Sonne!“, sagte er und sein graues Kleid begann sogleich, rosafarben und türkis, hellblau und silbern zu glänzen. „Sie ist eine Strahlenzauberin und wird uns helfen. Komm, Spinne, lass uns zur Sonne ziehen!“
„Das mach du nur alleine!“, sagte die Spinne. „Mir ist in ihrer Nähe doch etwas heiß. Aber meine Spinnenkollegen werde ich zusammenrufen. Gemeinsam werden wir deine Rückkehr vorbereiten und über die Wiese ein Tuch aus Netzen weben. In ihm kannst du dich nach deiner Rückkehr ausruhen.“
„Das klingt gut. Sehr gut“, freute sich der kleine Nebel.
Dann machte er sich auf den Weg zur Sonne und bat um Hilfe für alle Herbstspinnen und Nebelkollegen. Es war ein gutes Gespräch und nach seiner Rückkehr kuschelte er sich voller Vorfreude in die Spinnennetze, die auf der Wiese auf ihn warteten.
Als die Sonne am nächsten Morgen ihre Strahlen in das Nebelkleid der Wiese sandte, funkelten die Wiesenwelt mit den Spinnennetze und Nebeltröpfchen wunderfein in allen Farben und die Wiese sah aus wie ein strahlenden Silberschmuckstück. Toll sah das aus und die Leute riefen: „Seht nur, die Sonne und der Nebel feiern mit den Spinnen ein Fest. Schön sieht das aus! Ist der Herbst nicht wunderschön?“
Da war er glücklich, der kleine Septembernebel. Und wie!

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl