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Spaziergang im Nebel

Nebeltage waren doof. Regentage an einem Samstag waren es noch mehr und ganz blöd war, wenn zum Nebel auch noch Wind und Kälte kamen. Dann nämlich konnte man nicht einmal so richtig draußen unterwegs sein. Ganz arg doof war das dann.
„Das ist kein Grund zum Quengeln“, schimpfte Opa, der es nicht leiden konnte, wenn man über das Wetter meckerte. „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt…“
„Es gibt nur die falsche Kleidung“, ergänzte Pit, der diese Satz schon oft, nein, schon sehr oft aus Opas Mund gehört hatte.
„Genau“, sagte Opa, „und deshalb ziehen wir uns die richtigen Klamotten für diese Witterung – ja, er sagte ‚Witterung‘ und nicht ‚Wetter‘ – an und gehen an die frische Luft. Mir ist gerade nach Wald und einer kleinen Wanderung.“
„Wandern? Jetzt?“ Pia war nicht begeistert. „Nebelluft riecht nicht frisch. Und unheimlich ist sie auch.“
„Unheimlich?“ Pit, der auch keine große Lust darauf hatte, bei dieser nassen Kälte durch den Wald zu wandern, horchte auf. Im Nebelwald konnte es bestimmt ganz witzig sein. „Unheimlich klingt spannend“, sagte er zögernd. „Ich komme mit. Wir suchen das unheimliche Abenteuer. Juchhu!“
„Uihh!“, quiekte Pia und sie stellte sich vor, wie Nebelgeister und Schleierhexen im Wald in den Bäumen und hinter Büschen hockten und grausig heulten. Wie Geister es eben so tun. „Spannend ist cool“, sagte sie.
Cool war es dann auch. Kalt nämlich und nass. Sehr nass sogar, denn es hatte nun auch noch zu nieseln begonnen.
„Das ist mir aber ein scheußliches Erkältungswetter“, schimpfte Opa, der sich nie über das Wetter beklagen wollte, nach einer Weile laut.
Das stimmte. Die Geschwister froren erbärmlich und sonderlich spannend war es hier auch nicht. In der Tannenschonung hingen die Nebelfetzen so dicht, dass man keine drei Meter weiter blicken und schon gar keine Geister sehen konnte. Da war nur Grau. Und ringsum tröpfelte und knackte es und irgendwo im Nichts schwang sich ein Eichhörnchen durchs Geäst. Ein Krähenpaar flog mit einem lauten Schimpfen über den Weg und verschwand in der grauen Nebelwaldwelt. Ein bisschen unheimlich klang das schon, fühlte sich aber auch irgendwie spannend an.
Opa nieste, und das klang fast unheimlicher als alle Geister des Waldes zusammen. Wenn er nämlich einmal mit dem Niesen angefangen hatte, konnte er so schnell damit nicht mehr aufhören.
„Du verjagst alle Geister“, schimpfte Pia und lachte.
Auch Pit grinste. „Das ist der Fluch der Nebelgötter und ihrer Grauhexen“, sagte er. „Sie verzaubern alle Menschen, die sie in ihrer Nebelwelt stören, und schicken ihnen das große Niesen. Damit treiben sie sie in die Flucht.“
Opa konnte darüber nicht lachen. Wie auch? Er musste ja niesen.
„Ich glau -ha-hatschi-, ich glaube, diese Nebelnässe, -ha-hatschi-, i-h-ist nicht sehr gesund. Ha-ha-hatschi! Lasst uns umkehren und im Forsthauscafé einen heißen Tee oder Kakao trinken.“
„Oh ja! Toll.“ Pia jubelte.
„Mit Kuchen?“, fragte Pit.
Opa nickte. „Mit Kuchen und allem Drum und Dran.“
Das klang nun zwar nicht mehr nach einem unheimlichen Abenteuer, aber nach einem warmen und süßen. Und gesünder war es – für heute – auch. Darin waren sich alle drei einig.

© Elke Bräunling