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Der Geist, der keiner war

Herbstgeschichte

Wenn im Nebel nur die Schatten der Bäume zu ahnen sind und Dunkelheit die Zeit beherrscht, dann tanzen sie wieder und huschen. Sie singen und kreischen, stoßen grelle Schreie aus und machen uns Angst. In kalten Novembernächten bleibe ich am liebsten zu Hause in der warmen Stube.
Manchmal jedoch lässt es sich nicht umgehen, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Welch ein Glück, wenn man nicht allein gehen muss, denn zu zweit fürchtet es sich angenehmer.

An einem dieser Tage, die für Herbstgeister wie geschaffen waren, mussten meine Schwester und ich am frühen Abend aus dem Haus, um unserer Tante einen Kuchen zu bringen, den Mutter gebacken hatte. Es waren nur ein paar Schritte bis zum Haus der Tante und Mama versicherte uns, dass wir keine Angst zu haben brauchen.

„Rotkäppchen hat der Großmutter Kuchen und Wein gebracht und ist vom Wege abgekommen. Das soll uns nicht passieren“, sagte ich zu meiner jüngeren Schwester, die daraufhin noch ängstlicher schaute. Das Märchen vom Rotkäppchen kannte sie gut und sie wusste auch, dass der böse Wolf aus dem Hinterhalt gekommen war, um das Mädchen nach seiner Großmutter auszufragen und sie dann anschließend mit Haut und Haaren verschlungen hatte.
„Wir gehen schnurstracks zu Tante Agnes!“, beschlossen wir und liefen los. Im nächsten Moment waren wir angekommen und klingelten an der Haustür. Wir winkten unserer Mutter zu und die verschwand auch gleich im Haus.
„Puh“, sagte ich. „Das ist schon mal gut gegangen!“
Elke nickte, sie war erleichtert. Doch schon im nächsten Moment wuchs unsere Angst erneut. Niemand machte die Türe auf, wir standen und warteten, klingelten erneut, doch nichts regte sich.
„Sie muss doch zu Hause sein!“, jammerte Elke und griff nach meiner Hand. Ich nickte und hatte selbst ein ungutes Gefühl.
„Sicher macht sie gleich auf, drück noch einmal auf den Knopf!“
So oft wir auch schellten, es kam kein Mucks von drinnen, aber im Flur war Licht.
„Sollen wir mal durch den Garten gehen und an der Küchentür klopfen?“, schlug ich vor.
„Es ist so dunkel da hinten, lass uns lieber wieder nach Hause gehen!“ Elkes Stimme zitterte und als Ältere von uns beiden fühlte ich mich verpflichtet Mut zu zeigen.
„Mach dir keine Sorgen, es wird nichts passieren und wer soll da im Garten schon sein. Geister gibt es nicht.“
„Ist das auch wirklich wahr, oder sagst du das nur so?“, fragte Elke.
Ich zögerte, räusperte mich kurz und antwortete dann mit fester Stimme: „Klar doch! Versprochen!“
Wir gingen ums Haus herum und erreichten den Garten, den wir gut kannten. Heute aber schien uns alles fremd und unheimlich. Der Nebel hatte die Bäume in Watte gepackt, auch das Schaukelgerüst konnten wir nicht entdecken. Alle Fenster des Hauses waren dunkel, nicht einmal da, wo wir den Kellereingang vermuteten, brannte ein Licht.

Plötzlich schrie Elke laut auf. „Da hat mich was berührt!“, kreischte sie und fuchtelte mit den Armen wild in der Luft herum. Ich ließ den Korb mit dem Kuchen fallen, packte meine Schwester und wir rannten zurück zur Haustür, die in diesem Moment geöffnet wurde.
„Hallo ihr Beiden, was macht ihr denn für ein Geschrei?“
Ich hatte mich noch nie so gefreut, meine Tante zu sehen, wie an diesem Abend. Ich schwitzte und fror zugleich und Elke begann zu weinen vor Erleichterung.
„Da ist ein Geist im Garten!“, stammelte sie.
Tante Agnes lachte.
„Es gibt keine Geister!“
„Er hat mich aber berührt!“
„Nun kommt erstmal rein und beruhigt euch. Es wird sich alles aufklären.“
Als wir in der warmen Küche saßen und einen leckeren Kakao schlürften, ging es uns schon wieder besser. Dann fiel mir der Kuchen ein.
„Ich habe den Korb mit dem Kuchen im Garten vergessen!“
Tante Agnes, die uns erklärt hatte, dass sie unser Klingeln nicht gehört hatte, weil sie im Keller gewesen war, zog die Jalousie des Küchenfensters hoch, schob uns zwei Stühle ans Fenster, damit wir herausschauen konnten. Dann nahm sie die Taschenlampe und ging in den Garten, um den Korb hereinzuholen.
Wir konnten sehen, wie sie sich zum Korb hinunterbeugte. Sie nahm etwas heraus. Wir konnten nichts erkennen, weil es viel zu dunkel war. Dann packte sie den Korb und kam zurück ins Haus.
Wir trauten unseren Augen nicht. Auf dem Arm trug sie ein schwarzes Kätzchen, das jämmerlich miaute.
„Schaut her, ich habe den Herbstgeist gefangen!“, rief Tante Agnes und kicherte. „Ist er nicht süß?“

Das war der Tag, an dem Herbstgeist zu uns kam. Der Kater hatte sich uns als Familie ausgesucht und viele Jahre lebte er in Tante Agnes’ Küche. Wir besuchten ihn, wann immer wir konnten und die Angst vor Geistern war verschwunden.

® Regina Meier zu Verl


Herbstkätzchen – oder Der Geist, der keiner war?, Foto © Andrea Oberdorfer

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