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Aufbruch im Kartoffelfeld

„Ich befürchte, meine lieben Freunde, morgen ist es wieder so weit“, sagte der Kartoffelkönig eines Tages zu seinem Volk.
„So weit?“
„Wie weit?“
„Warum weit?“
„Was weit?“, fragten die jungen, kleinen Knollen neugierig, während ihre älteren Kollegen leidvoll stöhnten und klagten.
„Sehr weit. Erntezeit!“, erklärte eine besonders dicke Knolle.
„Leidenszeit“, ergänzte eine weitere.
„Abschiedszeit“, jammerte eine dritte.
Die Jungkartoffeln wunderten sich. Ernte? Leiden? Abschied? Sie konnten das nicht begreifen.
„Ist das eine Jammerzeit?“, fragten sie.
„Jaaa!“, heulten die Altkartoffeln auf, und die besonders dicke Knolle jammerte am lautesten:
„Mit ihren scharfen Erntemaschinen werden sie kommen, die Menschen, uns unsanft aus der Erde reißen und uns die Heimat nehmen. Huhuhuuuuuu.“
„Und dann werfen sie uns – knallpeng – auf einen Erntewagen, als ob wir Spielbälle seien“, ergänzte eine weitere Kartoffel. „Das tut so weh! Ojeoje!“
„Und dann?“, fragten die kleinen Jungkartoffeln neugierig, denn sie konnten sich darunter gar nichts vorstellen. „Vielleicht ist es auf so einem Erntewagen ja ganz lustig?“
„Und man kann den Himmel sehen.“
„Und die Sonne.“
„Licht und Sonne machen uns ungenießbar“, sagte der Kartoffelkönig.
„Ach, wenn dem doch nur so wäre und die Menschen uns tagelang in der Sonne liegen lassen würden!“, seufzte die dicke Knolle. „Aber nein. So schnell wie möglich fahren sie uns zum Bauernhof, und dort werden wir aussortiert, gemein voneinander getrennt und in Säcke verpackt. Und dann geht´s – huhuuu – zum Großmarkt.“
„Oder zum Supermarkt“, rief ihre Nachbarin. „Das hat mir eine Kollegin erklärt.“
„Oder gleich in die Küche des Bauern“, sagte eine längliche Kartoffel betrübt, und vor Gram runzelte sie ihre Haut.
„Und dann?“, rief eine vorwitzige Jungkartoffel wieder. „Das ist doch interessanter, als immer im dunklen Boden zu hocken, oder?“
„Genau!“, riefen die anderen Jungkartoffeln, die noch sehr neugierig auf das Leben draußen waren. „Hier ist es doch langweilig. Wir wollen etwas erleben. Warum also heult ihr alle?“
„Ihr vorwitzigen Grünschnäbel“, lachte der Kartoffelkönig, während ringsum ein Wehklagen und Heulen erschallte. „Neugierde ist zwar eine schöne Sache, doch nicht immer von Vorteil. Ihr habt es für dieses Jahr gut getroffen, denn ihr werdet aussortiert und im nächsten Frühjahr wieder frisch in die Erde gesteckt.“
Hm! Na ja, so verlockend fanden die Jungkartoffeln diese Aussicht nicht.
„Und ihr?“, murrten sie.
„Ich werde mich noch heute Nacht tief in die Erde zum Winterschlaf zurückziehen“, erklärte der Kartoffelkönig. „Und eure armen Kollegen…“
Wieder fingen alle Kartoffeln zu weinen an.
„Ja“, schluchzte eine. „Sprich es ruhig aus!“
„Wir“, kreischte eine andere. „Wir werden aufgefressen. So einfach ist das. Huch. Und so gemein!“
„Aufgefressen? Was ist das?“, fragten die Jungkartoffeln erstaunt, denn darunter konnten sie sich gar nichts vorstellen.
Eine Antwort darauf erhielten sie aber nicht. Sie ging in dem lauten Geschluchze und Geweine irgendwie unter. Das war auch gut so. Manchmal ist es besser, wenn man nicht alles weiß, oder?

© Elke Bräunling

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