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Ninchen lernt den Herbst kennen

Ninchen lag zusammengerollt in der Nähe des Ofens, der an diesem Tag das erste Mal wieder zum Einsatz kam. Kühl war es geworden in den letzten Tagen, ungemütlich und nass. Seit der große Lindenbaum im Hof mit Blättern nach ihr warf, fror Ninchen. Warum grollte er mit ihr? So zornig war er, dass er seine grünen Blätter, mit denen sie so schön gespielt hatte, gelb verfärbte. Manche waren sogar braun. Wutbraun.
Ninchen konnte das nicht verstehen. Im Mai war sie geboren und seither war alles in der Natur grüner und bunter geworden. Jetzt aber starb das Bunt, so kam es Ninchen jedenfalls vor. Jetzt aber wollte sie nicht darüber nachdenken. Es war gerade so schön gemütlich vorm Ofen. Überhaupt, es war so kalt auf einmal. Wie konnten die Tage, die so warm und weich und freundlich gewesen waren, auf einmal so garstig und ungemütlich sein? Und dunkel. Ja, auch dunkel. Gestern hatte sich sogar eine Wolke über dem Haus und dem Hof verirrt und war dort einen halben Tag liegen geblieben. Oh, war das finster geworden! Und ungemütlich kalt!
Ninchen seufzte und streckte die Vorderpfoten aus. Nur ein wenig Bewegung wollte sie sich verschaffen. Im Liegen. Nichts würde sie heute von ihrem Platz weglocken. Die dummen dunklen Wolken da draußen sollten abziehen, den Vögeln hinterher, die in den Süden gereist waren. Das wusste Ninchen von Maggy, der alten Nachbarskatze.
„Schaut, da ziehen sie. Nun kommt bald der Winter!“, hatte sie gerufen.
Oma Klein aber hatte gesagt: „Immer langsam, zuerst mal ist Herbst, es dauert noch bis zum Winter!“
„Was ist Herbst und was Winter?“, hatte Ninchen gefragt, aber Oma Klein wollte es ihr nicht verraten. Sie war so manchmal: wortkarg und launisch. In den letzten Tagen besonders, wie Ninchen fand. Ob das auch etwas mit diesem Herbstwinter oder Winterherbst, oder was immer das nun auch war, zu tun hatte? Egal. So lange sie ihr das Futter hinstellte, war Ninchen bereit, sie trotzdem zu lieben, auch wenn ihre Stimme rauh klang. Gerade kam sie zur Tür hinein. Ninchen öffnete zunächst nur ein Auge und beobachtete sie. Als sie sich in einen Sessel plumpsen ließ und laut stöhnte, öffnete Ninchen aber auch das zweite Auge. Dann erhob sie sich und strich um ihre Beine.
„Ach, Liebes!“, stöhnte Oma Klein da. Sie hob Ninchen hoch und setzte sie auf ihren Schoß. „Es kommen auch wieder bessere Tage. Wir müssen uns nur an das die neue Zeit, die die Seele ein bisschen plagt, gewöhnen. Dann kann es ganz nett werden. Und kuschelig. Du wirst es sehen.“
Ninchen gähnte. „Das, was sie irgendwann sehen würde, war ihr gerade egal. Wichtig war nur, lange nun auf Oma Kleins weichem, warmen Schoß liegen bleiben zu dürfen.“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl