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Die Klagen des Herbstes

„Ich glaube, meine Zeit ist endlich gekommen. Die Arbeit ruft.“
Frisch ausgeruht hüpfte der Herbst von seiner Wolke, auf der er sich viele Monate lang ausgeruht hatte.
„Der Oktober ist fast vorbei. Mein Kollege Sommer aber will nicht wahrhaben, dass er gehen sollte. Hoha!“ Der Herbst lachte auf. „Kein Wunder! Seine kostbare Sommerzeit hat er mit Regen und kühlen Wolkentagen verspielt.“
„Hihi!“, kicherte der Frühling. „Man könnte meinen, der Sommer klammert sich wie ein Unkrautgewächs an den verlorenen Zeit fest. Seht nur, welche Mühen er sich gibt!“
„Was für ein Heuchler!“, knurrte der Winter. „Sein Gewissen ist schwarz wie die Regenwolken, denen er Einlass gewährt hat.“
„Er hat einen Plan“, schimpfte der Herbst. „Einlullen möchte er die Menschen und mit Sommerfreuden verwöhnen. Er will sie vergessen machen, wie übel er ihnen mit unfreundlicher Nässe mitgespielt hat! Mich, den Herbst, übersieht er. Es ist, als gäbe es mich und meine Herbstpflichten nicht. Wenn ich dann endlich ins Land ziehen kann, werde ich auch noch beschimpft. Weil ich den Menschen die gute Laune verderbe mit Regen, Wind, Nebel und kühlen Temperaturen. Aber ich kenne das schon. Jedes Jahr aufs Neue habe ich diesen Ärger. Und wer ist’s, der ihn mir einbrockt? Der gnädige Herr Sommer. Dieser Stress, den er mir immer bereitet. Ich sage euch …“
Immer lauter hallten die Klagen des Herbstes in den Tag hinaus.
„Und wieder verschieben sich die Zeiten“, fiel ihm der Winter ins Wort. „Mit Verspätung nur kannst du deinen Job tun und herbstlich ‚herbsten‘. Bis die letzte Frucht eingebracht, das letzte Blatt versorgt, das letzte Tier ins Winterquartier geschickt ist, vergeht auch viel von meiner Winterzeit. Und ich blicke in die Röhre. Ich sage euch, so kann es nicht weiter gehen. Wir sollten …“
„Was redet ihr?“, unterbrach der Frühling seine wütenden Kollegen. „Erklärt dem Herrn Sommer eure Nöte und bittet ihn, euch Platz zu machen.“
„Pah!“ Der Herbst winkte ab. „Der Kerl ist stur und er ist nicht alleine. Er hat die Menschen auf seiner Seite.“
„Weil sie ihn lieben, den eingebildeten Kerl“, warf der Winter ein.
„Na ja“, meinte der Frühling. „Ich meinerseits würde …“
Keinen interessierte die Meinung des Frühlings. Zu sehr erregten sich Herbst und Winter.
So sehr, dass sie nicht mehr auf ihren Konkurrenten, den Sommer, achteten.
Der nämlich fühlte sich seit Tagen schon sehr unbehaglich.
„Wo bleibt der Herbst?“, klagte er. „Wie lange soll ich warten? Müde bin ich und erschöpft. Ich habe keine Kraft mehr, jeden Tag für gute Sommerlaune zu sorgen. Aber man kennt es ja schon: Jedes Jahr lässt er mich hängen, dieser Herbstkerl.“
Laut rief er nach dem Herbst, doch der konnte ihn nicht hören, war er doch damit beschäftigt, sich bei Winter und Frühling über den Sommer zu beklagen.
Und so geschah es eines Nachts, dass sich der Sommer still und leise gen Süden zurückzog. Das Zepter, das er dem Herbst übergeben wollte, legte er auf eine große Wiese mitten im Park einer Stadt, und dort lag es erst einmal für eine Weile.

© Elke Bräunling

Sommerherbst im StädtchenLicht und Schatten, der ‚Sommerherbst‘ im Städtchen

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