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Mia und die Erinnerungen an den Sommer

Der Herbst war in diesem Jahr schnell gekommen. Gerade hatte man noch das Sommerleben mit Schwimmbadbesuchen, Gartenfreuden, nackten Füßen, Sommerkleidern und Himbeereis genossen. Und nun sollte plötzlich auf einen Schlag alles vorbei sein? Es war nicht leicht, sich so schnell an ein Leben im Zimmer mit warmen Jacken, Socken, langen Hosen und Pfefferminztee zu gewöhnen. Schule und Kindergarten, Musik- und Sportunterricht hatten auch wieder begonnen. Nach den herrlich warmen Sommersonnenwochen fühlte sich all das fremd an.
Vor allem die Kinder waren traurig.
„Für mich könnte der Sommer immer bleiben“, sagte Mia zu Nachbarin Peters, als sie sie im Garten besuchte. „Ist es nicht gemein, dass er so schnell dem kalten Herbst Platz gemacht hat?“
„Er ist früh gekommen und er ist früh gegangen“, antwortete Frau Peters. „Schon im Mai hatten wir feines Sommerwetter. Es war viel Zeit geblieben, die warmen Wochen zu genießen, oder?“
Mit Vernunft aber war sie bei Mia heute an der falschen Adresse. „Wenn der Sommer so schnell vorüber geht, werden wir ihn bestimmt bald vergessen. Ist das nicht schade?“
Aber Frau Peters hatte mit Quengeleien wenig am Hut.
„Niemand wird den Sommer vergessen“, sagte sie. „Außerdem hat er uns überall seine Zeichen und Erinnerungen hinterlassen. Wir müssen sie nur aufsammeln und für die dunkle Zeit aufbewahren. Mit ihnen bleibt der Sommer lange bei uns. Es ist ganz einfach.“
Das verstand Mia nicht. Was Frau Peters, die manchmal verrückte Einfälle hatte, mit diesen ‚Erinnerungen’ wohl meinte?
Die Nachbarin lächelte. Dann nahm sie die Gartenschere, packte kleine Papiertütchen in einen Korb und ging mit Mia zu den Blumenbeeten. Dort zeigte sie, wie man den Sommer für Herbst und Winter und auch für das neue Jahr einfangen konnte.
Sie sammelten Samen und Kerne aus verblühten Blumen und Stauden und sie pflückten Blumen und Kräuter zum Trocknen, sie lasen Walnüsse und Haselnüsse vom Boden auf und ernteten die letzten Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Brombeeren und Weintrauben, um daraus feine Sommergelees zu zaubern. Und morgen würden sie einen Spaziergang zu den Rosenhecken am Waldrand machen und Hagebuttenzweige schneiden. Für Herbstkränze, die an den Sommer erinnerten.
Mia staunte. Nie hätte sie gedacht, dass man im Herbst noch so viel Sommer entdecken konnte.

© Elke Bräunling

Diese Geschichte findest du in dem Buch „Omas Herbstgeschichten“, erschienen im September 2016


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