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Die einsame Kleeblüte auf der Herbstwiese

Fast ein halbes Jahr war Maja sehr krank gewesen, und weil sie sich nicht vor weiteren Bakterien anstecken durfte, musste sie im Krankenhaus in einem besonderen Zimmer liegen. Nur ihre Eltern durften sie in Schutzkleidung besuchen. Auch als sie nach Hause kam, musste sie noch viele Wochen in der Wohnung bleiben, und keiner ihrer Freunde durfte kommen. Es war eine gemeine Zeit, und immer, wenn Maja am liebsten geweint und geweint hätte, hatte sie an eine Wiese voller bunter Blumen denken müssen. Einmal einen Wiesenblumenstrauß pflücken, ja, das war ihr größter Wunsch. Sogar geträumt hat sie von bunten Wiesenblumen. Viele schöne Träume.
Erst im Herbst fühlte sich Maja besser.
„Ich glaube“, sagte Mama eines sonnigen Novembertages, „heute könnten wir einen kleinen Ausflug machen. Was meinst du?“
„Au ja!“ Maja klatschte vor Freude in die Hände. „Eine Blumenwiese. Ich will eine echte Blumenwiese sehen.“
Papa schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich glaube, jetzt blühen keine Blumen mehr auf den Wiesen.“
„Ach bitte, lass uns nachschauen!“, bettelte Maja. „Bestimmt sind noch nicht alle Wiesenblumen verwelkt.“
„Einverstanden“, sagte Papa, und Mama überlegte:
„Vielleicht blühen noch die lilafarbenen Herbstzeitlosen? Sie sind sehr hübsch, aber auch sehr giftig.“
„Egal. Ich werde sie nicht anfassen. Oh, ich freue mich so sehr!“
Maja hatte Herzklopfen vor Freude, und in ihrem Bauch tanzten hundert und mehr Glücksameisen.
„Eigentlich“, meinte sie unterwegs, „wäre es auch gar nicht schlimm, wenn wir keine Blumen mehr finden. Hauptsache, es ist eine richtig schöne Wiese!“
„Da habe ich eine Idee“, sagte Papa. „Ich zeige dir meine Lieblingswiese.“
Sie fuhren aus der Straße hinaus durch ein enges Flusstal, dann ging es bergauf durch einen dichten bunten Herbstwald.
„Bald sind die Bäume kahl“, meinte Mama mit Wehmut in der Stimme. „Schade.“
„Ja, schade“, sagte Maja. „Aber ein Herbst und Winter zu Hause und gesund ist mir viel lieber als ein Frühling und Sommer krank im Krankenhaus.“
Sie lächelte glücklich, und auch ihre Eltern lächelten einander zu. Insgeheim wussten sie es alle drei: Maja hatte Glück gehabt, dass sie überhaupt wieder gesund werden durfte. Großes Glück.
Hoch und höher wand sich die Straße bergauf. Endlich wurde es heller, und sie erreichten eine Hochfläche, an der sich Wiese an Wiese reihte.
In Majas Bauch tanzten die Glücksameisen einen fröhlichen Tanz.
„Juchhu!“, rief Maja. „Wiesen! Wie in meinem Traum.“
Sie konnte es gar nicht abwarten, bis Papa endlich das Auto geparkt hatte. Schnell sprang sie aus dem Auto und lief über eine herbstliche Wiese, an deren Ränder üppig rote Hagebuttensträucher wuchsen.
„Juchhu!“, rief sie wieder. „ich bin gesund und ich darf wieder echte Wiesen sehen.“
Sie bückte sich, pflückte eine der letzten Kleeblüten, schnupperte an ihren Blütenblättern und sagte sehr sehr leise zu der Blume:
„Manchmal habe ich nicht geglaubt, dass ich noch einmal gesund werde und eine Blume pflücken darf. Danke, du einsame Kleeblume, du! Aber, psst, nichts Mama und Papa verraten …“

© Elke Bräunling

Eine kürzere Fassung dieser Geschichte findest du hier: Wiesenblumen im November

Herbstwiese am Morgen

Aus dem Buch:

WALDGESCHICHTEN

Taschenbuch: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Wald: Waldgeschichten für Kinder
Ebook: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Wald
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